
Hosianna!
von Przemek Zybowski
Samstag, 21.01.2012 um 20:30 Uhr / 04.02.2012 um 20:30 Uhr / 22.02.2012 um 20:30 Uhr
Uraufführung
Premiere 28.10.11, 20:00 Uhr
Schauspielhaus, Kantine
Kirchenallee 39
20099 Hamburg
Tel.:040 24871-3
Auch in Belin: 23-26.02.2012
http://berlin.polnischekultur.de/index.php?navi=013&id=785
Adom, Mitte dreißig, übernächtigt, verläuft sich, vielleicht aus Zufall, in ein deutsch-polnisches Kulturfest. Noch bevor das allzu versöhnliche Theater einer solchen Festlichkeit beginnen kann, entzündet sich für den Sohn polnischer Einwanderer an der gutgemeinten Atmosphäre Widerspruch. Voll Ironie reißt er den Abend an sich, indem er sich in seine Kindheit in Polen zurückversetzt und einen Tag heraufbeschwört, den er zu einem Tag der Abrechnung mit seiner Vergangenheit werden lässt; einen Tag, an dem er über sich selbst hinauswächst; einen Tag, an dem er sich schuldig macht. Verfolgt von rasenden Magyaren und langbeinigen Fliegerinnen führt ihn sein Sprachausbruch über Felder und Friedhöfe und schließlich in die Kirche seines Geburtsdorfes, wo bereits die ganze Gemeinde samt Pfarrer Klementin auf ihn warten. Der einzige, der ihm noch helfen kann ist Tato, sein Vater. Aber der ist weit weg. Im Adoms deutschem Exil werden die Besucher des deutsch-polnischen Kulturfestes zu Zeugen seiner theatralen Beichte, für die er sich selbst die Absolution erteilen will.
WO AUTO-BIOGRAFIE WAR, WIRD WODKA, WURST UND GURKE SEIN
Was bleibt einem anderes übrig, als seine eigene Sprache zu erfinden. Heute braucht alles eine Begründung, einen Zweck und eine Auto-Biografie. Psychologie und finanzielle Überbietungen sind die heutige Währung des Vertrauens. Adom zeigt einen Weg aus der Krise. Anhand von »unwillkürlichen Erinnerungsmomenten« erfindet er eine eigene Sprache und einen eigenen Kosmos. Diese haben zwar mit seiner Vergangenheit etwas zu tun, gehorchen aber anderen Gesetzen. Hier ist die Sprache die Währung: Sie ist pure Produktion. Produktion aber nicht als die Dirne der Wertsteigerung. Produktion als Widerstand gegen vor schnelle biografische Festlegungen und zwanghafte Wertsteigerung. Ist erst einmal der Strom zur eigenen Sprache geknüpft, wird produziert was das Zeug hält. Hier ergreift ein Individuum sein Wort, knüpft Bande in verschiedene Richtungen, weil es Material braucht und ist doch, da wo es spricht, völlig ungebunden, losgelöst, seines eigenen Lebens unmittelbare Begründung ohne Zweck. Wenn die Geschichte zu einem Kleid wird, aus dem man nicht mehr aussteigen darf, wird die Sprache zum Zuhause.
Definition: »unwillkürliche Erinnerungsmomente«
franz., memoire involontaire
Wer will und kann, darf hier ins Wechselstübchen der Literaturvergleiche gehen und Proust zitieren:
»Proust unterscheidet eine willkürliche, intelligente Erinnerung von der memoire involontaire, die allein den Zugang zur Wahrheit einer vergangenen und zugleich verlebendigten Zeit eröffnen kann. Anders als eine willentliche Erinnerung, wie sie z. B. durch das Betrachten von Fotoalben und Souvenirs jederzeit aufgerufen werden kann, unterliegt die von Proust beschriebene memoire involontaire der sensiblen Wahrnehmung, die sich gänzlich zufällig an einen materiellen Erinnerungsträger heftet.«
Besser aber noch als Proust zu bemühen, bemüht man sich selbst und probiert z. B. mit Wodka, Wurst und Gurke, einen »unwillkürlichen Erinnerungsmoment« herzustellen.
Defiintion: »Wodka, Wurst und Gurke«
Polnische Tradition vor allem auf Hochzeitsfesten, Theaterfesten, aber auch allen anderen Festen und auch sonst.
http://www.schauspielhaus.de/spielplan/detail.php?id_event_date=10219130...
Przemek Zybowski
* 1976 in Łódz, Polen. Seit 1985 in Deutschland. Studium der Medizin in Heidelberg und Berlin. Auslandsaufenthalte in Philadelphia, Boston, New York und Kapstadt. Promotion über Rezensions- und Rezeptionsgeschichte zu "Der Gestaltkreis. Theorie der Einheit von Wahrnehmen und Bewegen" von Viktor von Weizsäcker. Arbeit als Assistenzarzt an verschiedenen psychatrischen Kliniken.
Autor folgendender Theaterstücke:
"ROM", Theaterstück (im Rahmen der Schreibwerkstatt des Theaterhauses Jena zum JMR Lenz-Preis für Dramatik der Stadt Jena 2009)
"MARTHA", Theaterstück
"HOSIANNA", Theatermonolog/Kurzprosa
Regieassistenz
2008 Dušan David Parizek "Kabale und Liebe" am Schauspielhaus in Hamburg
2009 Jürgen Gosch "Bakchen" am Berliner Ensemble in Berlin
Schauspiel
Seit 2008 In der Rolle des "Kochs" bei Jürgen Goschs Möwe am Deutschen Theater in Berlin
Regiehospitanz
2007 Dušan David Parizek "Hermannschlacht" am Schauspielhaus in Hamburg
Jürgen Gosch "Onkel Wanja" am Deutschen Theater in Berlin
2008 Jürgen Gosch "Hier und Jetzt" am Schauspielhaus in Zürich
Jürgen Gosch "Möwe" am Deutschen Theater in Berlin